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Kapitel 4: Religion und Menschenrechte


Anmerkung: Die Audiodateien sind gekürzt

b) Mahmud Muhammad Taha und der arabische Tag der Menschenrechte

Im Jahr 1986 erklärte die Arabische Organisation für Menschenrechte den 18. Jänner zum Arabischen Tag der Menschenrechte.1

Ein Jahr zuvor, am 18. Jänner 1985, hatte der Diktator des Sudan, Numeiri, den Religionsgelehrten und Menschenrechtskämpfer Mahmud Muhammad Taha hinrichten lassen. Und zwar wegen „Abfall vom Glauben“.

Mahmud Muhammad Taha (1909-1985) war ein tief religiöser Muslim. Er setzte sich für Menschenrechte und eine gerechte Gesellschaft im Sudan ein und berief sich dabei auf den Koran. 1966 verfasste er ein Buch mit dem Titel „Die zweite Botschaft des Islam“2. Darin schrieb er, dass der Prophet Mohammed zu verschiedenen Zeiten verschiedene Offenbarungen von Gott erhalten habe. In der ersten Zeit, als Mohammed in Mekka der Anführer einer schwachen Minderheit war, habe er allgemeine und für alle Zeiten gültige Offenbarungen erhalten. Später, als er in Medina auch politischer Führer und Feldherr war, habe er Offenbarungen erhalten, die an die noch wenig entwickelte mittelalterliche Gesellschaft des 7. Jahrhunderts angepasst waren. Die Rechtsgelehrten der folgenden Jahrhunderte hätten die Scharia, das islamische Rechtssystem, auf dieser Grundlage aufgebaut. Doch da sich die Gesellschaft seither weiterentwickelt hat, sei diese Sharia nicht mehr zeitgemäß. Die Zeit sei nun reif, so meinte Mahmud Taha, für die grundlegende Botschaft des Islam, die er die Zweite Botschaft nannte. So schrieb er:

Die Freiheit im Islam ist absolut: Jedes Individuum hat das Recht, sie zu erlangen, unabhängig von Religion oder Rasse“3

Die Freiheit ist ein natürliches Recht, dem eine Pflicht entspricht: nämlich, sie angemessen wahrzunehmen.“4

Die ursprüngliche Vorschrift des Islam ist vollkommene Gleichheit von Mann und Frau“5

Er kritisierte auch die westliche Gesellschaft und ihren seiner Meinung nach einseitigen Freiheitsbegriff:

Ein weiteres Versagen der industrialisierten westlichen Gesellschaft ist ihre Unfähigkeit, die Bedürfnisse des Einzelnen mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft zu vereinbaren, das heißt, das Bedürfnis des Einzelnen nach absoluter individueller Freiheit und das Bedürfnis der Gemeinschaft nach vollkommener sozialer Gerechtigkeit.“6

Das ursprüngliche Prinzip des Islam ist der gemeinschaftliche Besitz von Eigentum7

Er distanzierte sich vom Marxismus, den für genau so materialistisch einschätzte wie den Kapitalismus, doch meinte er:

Worum es geht ist: Niemand soll etwas besitzen dürfen, das es erlaubt, die Arbeit eines Bürgers auszubeuten, um das Einkommen eines anderen zu vermehren.8


Mahmud Muhammad Taha mit Anhängerinnen und Anhängern
Quelle: Youtube, Abuobeida Mudawi

Der Präsident des Sudan, Numeiri, war 1969 durch einen Putsch an die Macht gekommen. Zuerst verfolgte er sozialistische Ideen, später näherte er sich den USA an. Doch 1983 führte er im Sudan die Scharia ein. Mahmud Taha und die von ihm gegründeten „Republikanischen Brüder“ und „Republikanischen Schwestern“ protestierten dagegen. Und zwar, weil diese Scharia nicht dem wahren Islam entspräche. Darum ließ Numeiri Taha und einige seiner Anhänger festnehmen und ihnen den Prozess machen. Mahmud Muhammad Taha weigerte sich, seine Ansichten zu widerrufen, und wurde am 18. Jänner 1985 gehängt. Viele Sudanesen und Sudanesinnen, auch die, die nicht seiner Organisation angehörten, waren darüber zutiefst empört. Vier Monate danach wurde Numeiri durch einen Volksaufstand gestürzt.

1 Jackson, Roy (2006): Fifty key figures in Islam. 1. publ. London [u.a.]: Routledge S. 209.

2 Taha, Mahmoud M. (1996): The Second Message of Islam. Unter Mitarbeit von Abdullahi Ahmed An-Na'im, Syracuse University Press.

3Thus, freedom in Islam is absolute: every individual has the right to achieve it, regardless of religion or race.“ Ebenda, S. 64.

4Freedom is a natural right corresponding to a duty, namely, its proper exercise.“ Ebenda, S. 132.

5Islam's original precept is complete equality between men and women [...]“. Ebenda, S. 139.

6 „Another failure in industrialized Western civilization has been its inability to reconcile the needs of the individual with the needs of the community, that is, the need of the individual for absolute individual freedom and the need of the community for total social justice.“ Ebenda, S. 53.

7Islam's original principle is the common or joint possession of property [...]“ Ebenda, S. 139.

8The key here is that no one should be allowed to own anything that permits the exploitation of one citizen's labor to increase the income of another.“ Ebenda, S. 155.

 


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Martin Auer
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