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Kapitel 8: Der Fall Marcus Omofuma


Anmerkung: Die Audiodateien sind gekürzt

Der Fall Marcus Omofuma

Auf dem Platz der Menschenrechte am Fuß der Mariahilfer Straße steht ein Gedenkstein für Marcus Omofuma. Er soll an eine der schwersten Menschenrechtsverletzungen erinnern, die in Österreich geschehen sind. Marcus Omofuma, geboren in Nigeria, war als Asylwerber nach Österreich gekommen. Als sein Asylantrag abgewiesen wurde und er per Flugzeug nach Bulgarien abgeschoben wurde, fesselten österreichische Polizeibeamte ihn mit Klebebändern an den Flugzeugsitz. Dabei verklebten sie ihm auch Mund und Nase, so dass er während des Flugs erstickte.

Denkmal
Gedenkstein für Marcus Omofuma von Ulrike Truger
Foto: Manfred Werner, Quelle: Wikipedia

Omofuma wurde 1973 geboren. In Nigeria war er Mitglied einer religiösen Gruppe, des Ogboni-Bundes.

Im Volk der Yoruba spielt dieser Bund eine wichtige Rolle, er organisiert die Verehrung der früheren Könige, die als Ahnen und Erdgeister die Gemeinschaft beschützen. Die Mitglieder des Bundes führen die Rituale aus und besprechen alle wichtigen Angelegenheiten der Stadt. Sie halten auch geheime Gerichtsverhandlungen und können auch Todesurteile aussprechen. Heute ist der Ogboni-Bund in Nigeria verboten, ist aber immer noch mächtig.

Marcus Omofuma flüchtete aus Nigeria, weil er gegen ein Gesetz des Bundes verstoßen hatte und der Ogboni-Bund ihn deshalb zum Tod verurteilt hatte. Er reiste 1994 mit gefälschten Dokumenten nach Deutschland ein. Die deutschen Behörden lehnten seinen Asylantrag ab, deshalb kam er 1998 illegal nach Österreich. Er stellte einen Asylantrag wegen religiöser Verfolgung, doch dieser Antrag wurde abgelehnt. Im Dezember 1998 kam er in Schubhaft. Mit Schubhaft soll verhindert werden, dass Menschen, die ausgewiesen werden, sich verstecken.

Am 1. Mai 1999 sollte Marcus Omofuma mit einem Flugzeug nach Bulgarien abgeschoben werden. Die Polizeibeamten, die ihn aus der Haft zum Flugzeug brachten, sagten später aus, dass er nicht einsteigen wollte und im Flugzeug zu schreien und zu randalieren begann. Darauf schnürten die Polizisten seinen Brustkorb mit Klebebändern an den Sitz und verklebten ihm den Mund und zumindest einen Teil des rechten Nasenlochs. Als das Flugzeug in Bulgarien ankam, stellte der Flughafenarzt fest, dass Omofuma erstickt war.

Demonstrant mit Bild Omofumas
Demonstrant mit dem Bild Marcus Omofumas
Foto: Hans-Klaus Techt, Quelle: Mediathek

Die drei Polizisten wurden im Jahr 2002 wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen verurteilt. Aber nur zu einer bedingten Strafe von acht Monaten Gefängnis. Eine bedingte Strafe wird nur dann auch wirklich vollzogen, wenn der oder die Verurteilte innerhalb der Probezeit eine ähnliche Straftat begeht. Das heißt, dass die schuldigen Polizisten gar nicht ins Gefängnis mussten, und sogar weiter als Polizisten beschäftigt wurden.

Der bulgarische Gerichtsarzt, der das erste Gutachten über Omofumas Tod ausgestellt hatte, berichtete auch, dass er mehrmals von österreichischer Seite aus unter Druck gesetzt worden war. Mitglieder der österreichischen Botschaft besuchten ihn und mahnten ihn zur Eile. Der Chefarzt des Innenministeriums schrieb ihm einen Brief, in dem er anfragte, ob Omofuma nicht vielleicht an einer Überdosis von illegalen Drogen gestorben sein könnte.

TitelseiteZeuginnen, die im Flugzeug mitreisten, berichteten, dass Omofuma keineswegs im Flugzeug randaliert hatte, sondern dass die Polizisten ihn schon gefesselt ins Flugzeug gebracht hatten. Die Tageszeitung „Kronenzeitung“ berichtete aber: „So tobte der Schubhäftling“.

Als 2003 der Gedenkstein für Omofuma aufgestellt wurde, bezeichneten die Kronenzeitung und der Politiker Jörg Haider Omofuma als Drogendealer. Omofumas Tochter verklagte Jörg Haider und das Gericht stellte fest, dass diese Behauptung unwahr und ehrenrührig war.

Der Tod Marcus Omofumas führte zu einer großen Protestbewegung, in der sich Menschen aus Afrika, die in Österreich lebten, und in Österreich geborene Menschen zusammentaten. Sie führten Großdemonstrationen und Mahnwachen vor dem Innenministerium durch.

 


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Martin Auer
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