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Kapitel 9: Malala Yousafzai


Anmerkung: Die Audiodateien sind gekürzt

Malala Yousafzai aus Pakistan ist die jüngste Nobelpreisträgerin der Welt. Im Jahr 2014 hat sie mit 17 Jahren den Friedensnobelpreis bekommen, weil sie sich dafür eingesetzt hat, dass alle Kinder, nicht nur Buben, das Recht auf Schulbildung haben müssen.

Porträt
Malala Yousafzai
Foto: Simon Davis, Quelle: Wikipedia

Im Jahr 2009 besetzten Taliban Malalas Heimatprovinz Swat. Die Taliban sind eine Rebellengruppe, die von Mitte der 1990er Jahre bis 2001 in Afghanistan die Macht übernommen hatte. Sie wurden zwar besiegt, sind aber in Afghanistan und Pakistan noch immer aktiv. Sie behaupten, dass an allen Missständen in diesen Ländern das Eindringen von modernen Ideen aus dem Westen schuld sei. Sie stellen sich als die Hüter der Religion und der alten Sitten dar. Um ihren Anspruch als die besten und frommsten Vertreter des Islam zu rechtfertigen und um die Menschen einzuschüchtern, legen sie die religiösen Vorschriften besonders streng aus und berufen sich auch auf alte Bräuche, die gar nicht von der Religion vorgeschrieben sind. Um ihre Ziele durchzusetzen, benutzen sie Waffengewalt und terroristische Anschläge. Wo sie die Macht hatten, verboten sie Musik, Alkohol, Fernsehen, Film, Internet, Malerei und Fotografie. Für das Übertreten dieser Verbote galten schwere Strafen wie Auspeitschen oder Tod durch Köpfen. Damit wollten sie erreichen, dass die Menschen auf Schritt und Tritt Angst hatten und nicht daran dachten, sich gegen die Macht der Taliban aufzulehnen. Besonders wichtig war ihnen der Brauch der Purdah. Dieser Brauch sagt: Die Frauen sollen im Haus bleiben, wenn möglich in getrennten Räumen, sie sollen sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, und wenn, dann nur verschleiert, sie sollen nicht arbeiten und nicht am öffentlichen Leben teilnehmen. Diese Vorschriften dienten seit alter Zeit dazu, wohlhabenden Männern die Kontrolle über ihre Frau und über den Nachwuchs zu ermöglichen. Die Frau sollte nicht in Kontakt mit anderen Männern kommen, und etwa von einem anderen Mann ein Kind bekommen, denn dann hätte ein fremdes Kind den Besitz des Mannes geerbt.

Als die Taliban in Swat vorrückten, wollte der britische Sender BBC, der in Pakistan auf Urdu sendet und auch eine Webseite auf Urdu betreibt, nicht nur über Kämpfe, Politik und Gewalttaten berichten, sondern auch darüber, wie die Menschen unter der Herrschaft der Taliban lebten. Sie suchten ein Schulmädchen, das regelmäßig in einem Blog über ihr Leben berichten sollte. Dabei trafen sie auf Malalas Vater, einen Lehrer und Schulleiter, der sich sehr für die Bildung der Mädchen einsetzte, und der empfahl ihnen seine Tochter. Die elfjährige Malala schrieb ihre Tagebucheinträge mit der Hand, ein Reporter scannte sie und schickte sie per E-Mail an die Redaktion. Der erste Beitrag erschien im Jänner 2009. Die Taliban erließen einen Befehl, dass Mädchen nicht in die Schule gehen durften und begannen, Schulen zu zerstören. Aus Protest schlossen viele Leiter von Bubenschulen ihre Schulen. So erreichten sie, dass die Taliban den Mädchen wenigstens erlaubten, die Volksschule zu besuchen.

Nach einiger Zeit konnte die pakistanische Armee die Taliban zurückdrängen und Malala konnte wieder die Schule besuchen. Ein amerikanischer Reporter drehte einen Dokumentarfilm über sie. Nachdem dieser Film gesendet wurde, wurde sie von verschiedenen Fernsehsendern interviewt und sprach über die Rechte der Mädchen und Frauen auf Bildung. 2011 erhielt sie für ihren Einsatz den pakistanischen Jugend-Friedenspreis. Sie beschloss, eine Stiftung zu gründen, die armen Mädchen ermöglichen sollte, in die Schule zu gehen. Als Malala immer bekannter wurde und ihre Forderung nach Bildung für Mädchen mehr und mehr gehört wurde, erhielt sie immer öfter Todesdrohungen. Doch sie ließ sich davon nicht abschrecken. Am 9. Oktober 2012, als sie von einer Prüfung nach Hause fuhr, überfiel eine Gruppe von Taliban-Terroristen den Bus und schoss auf sie. Eine Kugel traf ihren Kopf und verletzte sie lebensgefährlich. Doch nach mehreren Operationen wurde sie wieder gesund.

Der Mordanschlag empörte die Öffentlichkeit in der ganzen Welt und auch in Pakistan. Gleich am nächsten Tag wurden in mehreren pakistanischen Städten Protestversammlungen und Demonstrationen abgehalten. 2 Millionen Menschen unterschrieben die Forderung nach dem Recht auf Bildung. Im November 2012 beschloss das pakistanische Parlament ein Gesetz, dass alle Kinder zwischen 5 und 16 Jahren die Schule besuchen müssen und Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, bestraft werden. Die Taliban verkündeten, Malala sei „das Symbol der Ungläubigen und der Obszönität“ und sie hätte den Islam beleidigt. Doch 50 hohe islamische Geistliche in Pakistan beschlossen schon drei Tage nach dem Überfall eine Fatwa, also eine Entscheidung nach islamischem Recht, die den Mordanschlag verurteilte.

In Pakistan hatten zu dieser Zeit nur 4 von 10 Schulen elektrisches Licht und nur 6 von 10 Schulen hatten Toiletten. 25 Millionen Kinder im Schulalter gingen nicht in die Schule und 7 Millionen hatten noch nicht einmal Volksschulbildung erhalten.

Nach ihrer Genesung setzte Malala ihre Arbeit fort. Sie sprach vor den Vereinten Nationen und in der Harvard Universität in den USA. Sie sprach auch mit Königin Elizabeth von England und mit dem damaligen Präsidenten der USA, Barack Obama. Bei diesem Gespräch kritisierte sie ihn auch wegen der amerikanischen Drohnenangriffe in Pakistan. Im Oktober 2014 wurde sie mit dem Weltkinderpreis ausgezeichnet und spendete 50.000 Dollar für den Wiederaufbau von Schulen in Gaza. Ebenfalls im Oktober 2014 wurde bekanntgegeben, dass sie gemeinsam mit dem Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarthi aus Indien den Friedensnobelpreis erhalten sollte.

Malala wurde mit Dutzenden weiteren Preisen ausgezeichnet. Der Malala Fund unterstützt Kinder weltweit beim Schulbesuch. 2017 begann Malala ein Studium der Philosophie und Politikwissenschaft in Oxford.

 


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Martin Auer
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