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Mehr als nur ein Dach überm Kopf

Im Jahr 2015 kamen besonders viele Menschen auf der Suche nach Asyl in Wien an. Die Universität für angewandte Kunst in Wien stellte in Absprache mit der Bundesimmobiliengesellschaft spontan ihr neu hinzugekommenes Gebäude in der Vorderen Zollamtsstraße als vorläufige Unterkunft zur Verfügung. Studentinnen und Studenten unterstützten dies mit ihrer Phantasie und Arbeitskraft, um den Geflüchteten mehr als nur ein Dach überm Kopf zu bieten.

Menschen, die verfolgt werden, haben laut Genfer Flüchtlingskonvention das Recht auf Schutz in anderen Staaten und können um Asyl ansuchen. Im Herbst 2015 kamen viele Flüchtende aus Afghanistan, Syrien und dem Irak in Europa und auch in Wien an. In Österreich war die Anzahl der Asylanträge 2015 höher als in den fünf vorangegangenen Jahren (2010 bis 2014) insgesamt. In dieser angespannten Situation stellte die Universität für angewandte Kunst in Absprache mit der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) das Gebäude in der Vorderen Zollamtsstraße 7 im dritten Wiener Gemeindebezirk als temporäre Unterkunft zur Verfügung. Durch das Engagement Vieler konnte so ein erstes Ankommen ermöglicht werden.

Kind auf Feldbett
Notdürftig untergebracht (Foto Helmut Mitter)

Früher wurde dieses Gebäude vom Finanzministerium genutzt. Dann stand das Gebäude mehrere Jahre leer, bevor sich im Jahr 2014 die Universität für angewandte Kunst mit dem Eigentümer, der BIG, auf die Anmietung des Objektes einigte, um das Platzproblem der Universität zu lösen. Im Zuge der Flüchtlingsbewegungen ab Sommer 2015 wurden dringend mögliche Unterkünfte für geflüchtete Menschen, die in Wien angekommen oder auf der Durchreise waren, gesucht. Als die Anfrage von der BIG nach einem Kurzzeitquartier an Rektor Gerald Bast kam, stimmte er diesem Vorhaben sofort zu, da der Umbau des Gebäudes erst ab Sommer 2016 geplant war. Er berichtet: "Das zu sehen, welche Leute da gekommen sind und gleichzeitig zu hören, das seien ja böse Wirtschaftsflüchtlinge, die uns nur ausnutzen wollen, also das war sowas von absurd und eigentlich schwer auszuhalten. Wenn man die Leute sieht, alte Menschen, ganz alte Menschen, bis zu Säuglingen am Arm, kranke Menschen, … das war zum Teil herzzerreißend zu sehen." Als dann im September 2015 die Grenze nach Deutschland geschlossen wurde, erhöhte sich der Bedarf für eine Unterkunft für eine große Anzahl an Menschen. Rektor Bast erzählt, dass es Stimmen gab, die dem Vorhaben skeptisch gegenüberstanden: Es "sei ein Risiko, denn wer weiß, ziehen die dann wieder aus und dann verzögert sich das Ganze". Doch man beschloss, das Gebäude weiter zur Verfügung zu stellen. Die Vordere Zollamtsstraße 7 wurde in nur wenigen Stunden umfunktioniert, 800 Notbetten in den ehemaligen Büros aufgestellt. Das Haus füllte sich und beherbergte bis zu 1.500 Menschen.

Familie sitzt beim Essen auf dem Boden
Ein Dach überm Kopf, etwas zu essen. Sonst noch nicht viel... (Foto Helmut Mitter)

Da es zuvor als Bürogebäude genutzt wurde, gab es nur sehr wenig Infrastruktur für das tägliche Leben. Pro Stockwerk zwei Toilettenanlagen und nur eine einzige Dusche im ganzen Haus. Daher mussten für die mittelfristige Unterbringung einige Adaptierungen am Gebäude geschaffen werden. Ein ehemaliger Bewohner erzählt: "Ja am Anfang war es wirklich schwer für mich, hier zu wohnen, weil ich konnte nicht vorstellen, wie man hier leben kann mit verschiedenen Arten von Leuten. Es gab verschiedene Mitarbeiter, es gab Security, und es ist so wie ein Militär, aber mit einfach Familie und junge und alte Leute. Es war komisch für mich. Aber nach so fast einem Monat war ich es gewohnt und ich konnte mit vielen Leuten reden und ich wollte wissen, was die Gefühle hier sind und wie können wir weitermachen und wie können wir hier leben in diesem Heim. Ja es war eigentlich eine tolle Zeit, weil ich konnte mit vielen Leuten Kontakt haben und viele Freundschaften machen."
An den Adaptierungen in und um das Gebäude arbeiteten viele Menschen mit. Menschen aus der Umgebung, freiwillige Helferinnen und Helfer, Studierende der verschiedensten Universitäten, Schülerinnen und Schüler, Rotes Kreuz-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Kunstschaffende beteiligten sich daran, das Gebäude wohnlicher zu machen und gemeinsam mit den hier untergebrachten Menschen Strukturen aufzubauen, um den Alltag etwas freundlicher gestalten zu können.
Ein Problem stellten die Sanitäreinrichtungen dar. Da es im ganzen Gebäude nur eine Dusche gab, mussten die hier lebenden Menschen in umliegende Tröpferlbäder gehen, und zwar in Gruppen: mittwochs die Frauen, freitags die Männer.

Technische Zeichnung
Entwurfszeichnungen für die Aufstellung der Duschcontainer

Duschcontainer
Duschcontainer im Hof

Nach längeren Diskussionen stellte sich heraus, dass die einfachste Lösung sein würde, Duschcontainer im Hof des Gebäudes aufzustellen. Gemeinsam mit Studierenden und Lehrenden der TU Wien, dem Projektteam "DISPLACED. Space for Change", wurden innerhalb kürzester Zeit Sanitäreinrichtungen im Hof aufgebaut, um die Situation zu verbessern.
Auch gab es im ganzen Gebäude keinen dezidierten Aufenthaltsraum. Ebenfalls mit Studierenden der TU wurde daher begonnen, an einem Gemeinschaftsraum zu arbeiten. Gemeinsam mit Geflüchteten wurde das Kulturcafé eingerichtet, die Möbel dafür selber konzipiert und zum Beispiel unter Zuhilfenahme von gebrauchten Bestandteilen neu zusammengebaut.

Ausmalen
Erst einmal ausmalen ( (Foto Stephan Trimmel)

Kinder und Studentinnen
Die Kinder sind stolz auf ihre Arbeit (Foto Stephan Trimmel)

Kulturcafé VoZo
Kafeehausbetrieb im Kulturcafé VoZo (Foto Stephan Trimmel)

Und auch der Betrieb wurde gemeinsam mit den Hausbewohnerinnen und -bewohnern bewältigt, sodass sich alle zuständig fühlten. Das Café wurde schon bald ein Ort, an dem man sich nicht nur zum Kaffeetrinken traf, sondern Gemeinschaft lebte, sich die unterschiedlichsten Gruppen aus dem Haus trafen. So wurde etwa die Bühne im Café dafür genutzt, dass Hausbewohnerinnen und -bewohner gemeinsam mit Studierenden von der Musikuniversität musizierten und tanzten.

Junge Männer tanzen
Jetzt kann getanzt werden (Foto Stephan Trimmel)

Es war von Anfang an Teil des Konzepts, dass die Ausstattung für Räume im Haus gemeinsam und selbständig hergestellt werden konnte. Die Gemeinschaftswerkstatt wurde so zur Möglichkeit, aktiv an der Gestaltung des Hauses und des eigenen Wohnbereichs zu arbeiten. Auch BewohnerInnen, die schon ausgezogen waren, konnten in die Werkstatt zurückkommen, wenn sie etwas für ihre neue Wohnung brauchten. Und auch das Sozialräumliche der Werkstätten kam zum Vorschein: Manchmal ist es nicht so wichtig, was gebaut wird oder dass es perfekt ist, sondern dass man gemeinsam Zeit verbringt.

Menschenreihe an der Theke angestellt
Essensausgabe (Foto Helmut Mitter)

Klassenraum
Deutschkurs (Foto Helmut Mitter)

Es halfen viele Menschen zusammen, um das Leben in diesem Gebäude gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern etwas angenehmer zu machen. Es wurde ein Kleiderlager eingerichtet, anschließend eine kleine Nähwerkstatt, um nicht passende Kleidung passend zu machen. Es wurde gemeinsam gekocht, getanzt, gebaut, genäht, gegärtnert, gespielt und auch gelernt. Auch eine Bibliothek und ein Studienraum wurden geschaffen, und auch ein Kindergarten. Von Anfang an gab es Deutschunterricht, bis zu 30 Kurse in der Woche. Und auch Kinder aus Wiener Schulen der Umgebung kamen zu Besuch, um gemeinsam zu lernen und zu spielen. So wurde hier ein Ort des informellen und gemeinschaftlichen Lernens geschaffen, der ein würdigeres Zusammenleben ermöglicht. Der ehemalige Bewohner Mohamad berichtet etwa: "Ich hab im Café gearbeitet, ich hab beim Essen in der Küche gearbeitet, deswegen hatte ich viel Kontakt mit den Leuten, die kommen. Und nachdem gehe ich zu meinen Freunden, die sind in den Zimmern und wir besuchen einander. Es ist so wie eine kleine Stadt oder ein kleines Dorf, wir können einfach so miteinander Kontakt haben und so."
Viele der Bewohnerinnen und Bewohner wollten helfen, sich am Tagesablauf beteiligen. Sie arbeiteten in den Werkstätten mit oder im Café, in der Rezeption, bei der Essensausgabe oder halfen als ÜbersetzerInnen bei Arzt- oder Spitalsbesuchen.
Und auch die Umgebung wurde gemeinsam erkundet: Der von einer Arabistikstudentin gegründete Verein IntegRADsion baute ein Fahrradleihsystem auf. Dadurch konnten Ausflüge unternommen werden, die Kinder fuhren mit dem Rad zum Fußballtraining. Es war eine günstigere Lösung, da keine Fahrscheine für die öffentlichen Verkehrsmittel gebraucht wurden.

Ab Anfang Mai 2016 zogen die Bewohnerinnen und Bewohner Schritt für Schritt aus der Vorderen Zollamtsstraße 7 aus und in andere Unterkünfte um. In Unterkünfte, die für einen längerfristigen Aufenthalt besser geeignet waren. Einige waren jedoch traurig darüber, weil sich durch die vielen Initiativen und Aktivitäten im Haus viele Kontakte und Freundschaften gebildet hatten, die ihr Leben dort bereichtert hatten und man Angst hatte, diese zu verlieren. Auch war man mit den Strukturen vertraut, die man sich aufgebaut hatte, die an einem neuen Ort wieder erarbeitet werden müssen. Es wurde versucht, einiges des Geschaffenen an neue Orte zu verlegen und es so weiterführen zu können: Die Deutschkurse fanden nun im Kurierhaus statt, der Kindergarten wurde in eine Flüchtlingsunterkunft nach Floridsdorf verlegt. Ein ehemaliger Bewohner resümiert: "Dieser Wechsel ist nicht einfach. Der einzige Weg, das durchzustehen, ist einander zu helfen, ansonsten wird es sehr hart und kompliziert für jeden. Wenn wir uns untereinander helfen und uns dadurch auch besser kennenlernen, ist alles einfacher."

 


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Martin Auer
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