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Kapitel 3: Die Operation "Radetzky"


Auch innerhalb der Deutschen Wehrmacht leisteten österreichische Soldaten und weibliche Heeresangestellte Widerstand. Die Operation „Radetzky“, geleitet von Major Carl Szokoll, bewahrte Wien vor großen Zerstörungen und Verlusten an Menschenleben. Szokoll hatte seine Ausbildung an der Theresianischen Militärakademie bekommen und wurde nach dem sogenannten Anschluss als Offizier in die deutsche Wehrmacht übernommen. Wegen seiner Beziehung zu der Tochter eines Industriellen, deren Mutter Jüdin war, wurde er von einer Panzer-Elite-Einheit zur Infanterie strafversetzt. Nach einer Kriegsverletzung kam er nach Wien als Ordonnanzoffizier zum Stellvertretenden Generalkommando des XVII. Armeekorps in Wien. Dessen Sitz war das ehemalige Kriegsministerium am Stubenring. Hier war Szokoll schon 1944 an der „Operation Walküre“ beteiligt, die vom deutschen Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg geleitet wurde. Wäre dieser Umsturzplan geglückt und der Krieg zu diesem Zeitpunkt beendet worden, hätten vielleicht fünf Millionen Menschen nicht sterben müssen. Das Attentat auf Hitler misslang aber und die Operation Walküre wurde verraten. Die enttarnten Verschwörer ließ Hitler auf besonders grausame Art hinrichten. Szokoll selbst blieb unentdeckt.

Im Jänner 1945 erhielt Szokoll den Auftrag, Pläne für die Zerstörung Wiens auszuarbeiten. Die sowjetischen Truppen sollten, falls sie Wien eroberten, nur „verbrannte Erde“ bekommen. Solche Pläne gab es für alle Städte im Reichsgebiet. Szokoll beauftragte seine engsten Vertrauten damit, Informationen darüber zusammenzutragen, wo die Stadt am verwundbarsten war: über Bahnen, Straßen, Brücken, Flugabwehr, Elektrizitätsanlagen, Gaswerke, die Ölraffinerie, Fabriken, Lebensmittellager, Brotfabriken, die Wasserverorgung. Es zeigte sich, dass Wien außer der Hochquellenwasserleitung nur über vierzehn Brunnen verfügte. Würden die Sowjets die Wasserzufuhr unterbinden, wäre Wien in zehn Tagen verdurstet. Szokoll ging zum deutschen Regierungskommissar Delbrügge und bat ihn Hitler zu überzeugen, dass Wien nicht zu halten war und deshalb zur offenen Stadt erklärt werden sollte. Ohne Erfolg.

Szokoll wollte Wien das Schicksal Budapests ersparen. Die Schlacht um Budapest hatte mehr als drei Monate gedauert und fast 130.000 Soldaten und 38.000 Zivilisten und Zivilistinnen das Leben gekostet. Szokoll hatte aber auch die Moskauer Deklaration von 1943 im Sinn. Die alliierten Staaten, die gegen Hitlerdeutschland kämpften, hatten erklärt, dass nach dem Sieg über Deutschland Österreich als souveräner Staat wiedererrichtet werden sollte. „Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf, wieviel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird, unvermeidlich sein wird.“

Am 19. März erließ Hitler den Befehl alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen die sich der Feind nutzbar machen könnte zu zerstören. Nun weihte Szokoll fünfzehn gleichgesinnte Offiziere in seinen Plan ein. Ihre Einheiten sollten die Sprengladungen legen. Doch wenn Szokoll das Codewort Radetzky ausgeben würde, sollten sie die Sprengladungen entschärfen, anstatt sie zu zünden, und einen Aufstand gegen die Nationalsozialisten beginnen. Szokoll nahm auch Kontakt zu einer zivilen Widerstandsgruppe auf, die sich O5 nannte. Der fünfte Buchstabe des Alphabets ist e, O5 bedeutete also Ö wie Österreich. Diese Gruppe mit Mitgliedern aus verschiedenen politischen Richtungen hatte Waffen gesammelt und hielt sich für einen Aufstand bereit. Szokoll beauftragte Oberfeldwebel Ferdinand Käs, Kontakt mit den sowetischen Truppen aufzunehmen. Mit dem Obergefreiten Johann Reif als Fahrer fuhr Käs am 2. April über den Semmering, wurde von sowjetischen Soldaten gefangen genommen und ins Hauptquartier nach Hochwolkersdorf gebracht. Dort konnte er Szokolls Vorschläge überbringen: Die SS-Truppen, die Wien verteidigten, würden den Angriff aus Süden erwarten. Daher sollten die Sowjettruppen Wien umgehen und von Westen her angreifen. Dort würden Szokolls Radetzky-Alarmgruppen den Verteidigungsring öffnen. Er überbrachte die Bitte, die Hochquellenleitung nicht zu unterbrechen und die Amerikaner zu ersuchen, Wien nicht mehr zu bombardieren. Die Russen nahmen den Vorschlag an. Käs und Reif gelang es, mit der Antwort wieder nach Wien zu kommen. Szokoll schaffte es inzwischen tatsächlich, dass seine Alarmgruppen den westlichen Abschnitt des Verteidigungsrings übernehmen konnten. In der Nacht vom 5. auf den 6. April stiegen dann wirklich die roten Leuchtkugeln über den Hügeln des Wienerwalds auf, als Zeichen, dass die russischen Truppen bereit waren. Szokoll ließ mit grünen antworten. Die Radetzky-Abteilungen setzten sich in Marsch. Szokolls Leute übernahmen das Gebäude des Wehrkreiskommondos XVII. Szokoll selbst ging allein zum Hauptquartier der kommunistischen Widerstandsgruppe, um auch sie zur Teilnahme am Aufstand zu bewegen. Sein Onkel, ein Kommunist, hatte den Kontakt hergestellt. Szokoll wollte, dass die Sowjettruppen von Vertretern der gesamten Wiener Bevölkerung empfangen wurden. Als Szokoll ins Hauptquartier am Stubenring zurückkehren wollte, fing ihn Käs ab und teilte ihm mit, dass die Operation verraten war. Major Karl Biedermann war von einem Untergebenen an die SS verraten worden. Im Verhör hatte er die Operation Radetzky preisgegeben. Daraufhin war eine SS-Abteilung mit dem Codewort „Radetzky“ ins Hauptquartier der Verschwörer eingedrungen und hatte sie verhaftet. Szokoll flüchtete im Auto vor der SS, durchbrach die Front und gelangte mit einer weißen Parlamentärsfahne zur Roten Armee in Purkersdorf. Er überzeugte die Offiziere, dass der Aufstand wegen Verrats nicht durchgeführt werden konnte und brachte ihnen noch Informationen über die Aufstellung der deutschen Truppen. Der Kommandeur glaubte ihm und versprach noch einmal, die Wasserzufuhr nicht zu unterbrechen. Szokoll konnte wieder nach Wien zurückkehren. Obwohl der Aufstand misslungen war, konnten die Sowjettruppen ohne viel Widerstand über Klosterneuburg nach Wien vordringen. Denn der Kommandeur der 6. SS-Panzerarmee hatte die Radetzky-Truppen abgezogen, weil er ihnen nicht mehr traute. Meldegänger der O5 lotsten die Sowjettruppen an Artilleriestellungen und Panzersperren vorbei. Szokolls Leuten gelang es auch, die Telefonverbindung des Hauptpostamts abzuschneiden, was den Wehrmachtstruppen die Kommunikation erheblich erschwerte. Auch die Zerstörung der größten Brotfabrik wurde verhindert. Ob die Reichsbrücke, die einzige Donaubrücke, die nicht gesprengt wurde, von Szokolls Radetzy-Gruppe, von der O5 oder von der Roten Armee gerettet wurde, ist nicht mehr zu klären. Möglicherweise wurden die Zündkabel auch mehrmals entfernt und von den deutschen Truppen wieder angebracht. Insgesamt dauerte die Schlacht um Wien nur acht Tage. Der sowjetische Marschall Tolbuchin schätzte, dass ohne die Tätigkeit der Widerstandsgruppen 70.000 Menschen mehr ihr Leben verloren hätten. Wien wurde nur zu 13% zerstört, nicht zuletzt, weil auch die amerikanischen Bombardements eingestellt worden waren. Dass die Alliierten Österreich nicht als einen Feind, der besiegt wurde, sondern als ein Land, das befreit wurde behandelten, das ist den österreichischen Widerstandskämpfern und Widerstandskämpferinnen zu danken, nicht zuletzt den Menschen um Carl Szokoll. Szokolls Verdienste wurden erst sehr spät gewürdigt. 40 Jahre nach der Befreiung erhielten Ferdinand Käs und Carl Szokoll das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 1995 erhielt Szokoll den Ehrenring der Stadt Wien, 2003 wurde ihm die Bürgerurkunde der Stadt Wien verliehen. Er starb 2004. An Szokolls Mitkämpfer Major Biedermann, Hauptmann Huth und Leutnant Raschke, die von der SS am 8. April öffentlich gehängt wurden, erinnert ein Denkmal am Floridsdorfer Spitz in Wien.


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Martin Auer
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